Klimafreundlicher Mehrfamilienhausbau: Wie Holger König Wirtschaftlichkeit, Holzbau und höchste Energieeffizienz verbindet

Fünf Mietwohnungen, 452 Quadratmeter Wohnfläche, ein Primärenergiebedarf von nur 2,9 kWh/m²a und eine konsequent auf niedrige Lebenszykluskosten ausgerichtete Planung: Architekt Holger König zeigt mit einem realisierten Mehrfamilienhaus in Gröbenzell bei München, wie ressourcenschonender Wohnungsbau, intelligente Hybridbauweise und wirtschaftlicher Gebäudebetrieb zusammenwirken können.

Ein Mehrfamilienhaus als durchdachtes Gesamtkonzept

Wie lassen sich Mehrfamilienhäuser so planen und bauen, dass sie nicht nur hohe energetische Anforderungen erfüllen, sondern langfristig wirtschaftlich betrieben werden können und gleichzeitig wenig Ressourcen beanspruchen? Mit einem realisierten Neubau auf einem bereits bebauten Grundstück in Gröbenzell liefert Architekt Holger König eine bemerkenswerte Antwort.

Entstanden ist ein Mehrfamilienhaus mit fünf Wohneinheiten auf zwei Geschossen und einem ausgebauten Dachgeschoss. Das Gebäude der Gebäudeklasse 3 umfasst insgesamt 452 m² Wohnfläche und wurde als Mietobjekt mit einem hohen Anteil nachwachsender Baustoffe, niedrigem Energiebedarf und einer weitgehend eigenständigen Stromversorgung konzipiert.

Die Besonderheit: Das Projekt wurde nicht allein hinsichtlich der Baukosten optimiert. Von Beginn an standen die Wechselwirkungen zwischen Baukonstruktion, Energieversorgung, Materialeinsatz, Wohnkomfort und langfristigen Nutzungskosten im Mittelpunkt.

Die Planung erfolgte auf Basis eines digitalen Gebäudemodells mit der integralen Software LEGEP. Dabei wurden Lebenszykluskosten (Life Cycle Cost) und Umweltwirkungen (Life Cycle Assessment) systematisch berücksichtigt.

Projektdaten Mehrfamilienhaus auf einen Blick

KennzahlWert
Wohneinheiten5
Wohnfläche452 m²
Baukosten netto je m² Wohnfläche (KG 300/400)3.477 €
Primärenergiebedarf2,9 kWh/m²a
QNG-Berechnungswert16,51 kg CO₂-Äq./m² NRF·a
QNG-Premium-Grenzwert20,0 kg CO₂-Äq./m² NRF·a

Weitere Gebäudedaten verdeutlichen die Dimensionen: Auf einem 1.033 m² großen Grundstück entstanden 827 m² Bruttogrundfläche und 601 m² Nutzfläche bei einem umbauten Raum von 2.457 m³.

Bemerkenswert ist auch die Nachverdichtung: Durch den Neubau konnte die Geschossflächenzahl des Grundstücks von 0,18 auf 0,37 erhöht werden. Das Projekt demonstriert damit, wie bereits erschlossene innerörtliche Grundstücke für zusätzlichen Wohnraum genutzt werden können.

Hybridbauweise: Beton dort, wo er technisch notwendig ist – Holz dort, wo seine Vorteile wirken

Die konstruktive Lösung folgt keinem dogmatischen Materialansatz. Aufgrund des hohen Grundwasserstands von nur 1,40 Metern unter Geländeoberkante entschied sich das Planungsteam für eine Hybridbauweise.

Keller, tragende Innenwände und Geschossdecken wurden überwiegend in Beton beziehungsweise Ziegelmauerwerk ausgeführt. Die Gebäudehülle besteht dagegen aus vorgefertigten Holzständerkonstruktionen.

Die Außenwand- und Dachelemente besitzen eine Konstruktionstiefe von rund 40 Zentimetern und wurden mit Zellulose- und Holzfaserdämmstoffen ausgestattet. Der angegebene Wärmedurchgangskoeffizient beträgt lediglich 0,11 W/m²K.

Zur Umsetzung kamen unter anderem vorgefertigte Bauelemente mit Holzständern, Zellulosefüllung, Holzfaserplatten und einer äußeren Bekleidung aus Silikatputz oder Holzverschalung.

Für Holzbauwelt.de ist insbesondere der hohe Vorfertigungsgrad interessant: Die Außenwandbauteile wurden einschließlich Fenstern und Außentüren im Werk hergestellt und auf der Baustelle innerhalb von zwei Tagen je Geschoss montiert.

Die intelligente Trennung zwischen Tragwerk, Gebäudehülle und technischen Installationen trägt außerdem dazu bei, spätere Instandhaltung und mögliche Anpassungen zu erleichtern.

Hohe Energieeffizienz durch integrale Gebäudetechnik

Die Energieversorgung wurde auf Grundlage detaillierter Berechnungen und Simulationen entwickelt.

Das Mehrfamilienhaus erreicht laut Projektdokumentation einen berechneten Primärenergiebedarf von lediglich 2,9 kWh/m²a und einen Endenergiebedarf von 1,6 kWh/m²a.

Herzstück der Heiz- und Kühltechnik ist eine Wasser-Wasser-Wärmepumpe mit rund 12 kW Leistung. Sie nutzt die ganzjährig vergleichsweise konstanten Grundwassertemperaturen. Für die Wintermonate werden COP-Werte von 6,7 angegeben.

Die Wärme- und Kälteverteilung erfolgt über ein wasserführendes System in der Betondecke. Die Heiz- und Kühlregister sind in vorgefertigte Lehmbauteile integriert.

Dieses Konzept verbindet mehrere Funktionen: Im Winter sorgt die Deckenheizung für eine gleichmäßige Temperierung, im Sommer ermöglicht das System die Kühlung der Wohnungen.

Eine zusätzliche, bedarfsgerechte Wohnungslüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung ergänzt das Gesamtkonzept. Jede Wohnung verfügt über ein eigenes Lüftungsgerät.

Photovoltaik und Stromspeicherung als Bestandteil des Mieterstromkonzepts

Für die elektrische Eigenversorgung wurden zwei Photovoltaikanlagen installiert: eine Dachanlage mit 20,5 kWp und eine weitere Anlage auf dem Carport mit 9,5 kWp.

Damit verfügt das Gebäude über eine installierte Photovoltaikleistung von insgesamt 30 kWp. Ein Batteriespeicher mit 25 kWh Kapazität unterstützt die Nutzung des selbst erzeugten Stroms.

Über ein Mieterstrommodell können die Bewohner den Solarstrom zu einem laut Projektunterlagen um 20 Prozent reduzierten Preis gegenüber dem üblichen Stromversorger beziehen.

Auch Ladeinfrastruktur für Elektroautos und Fahrräder wurde in das Energiekonzept integriert.

Niedrige Haus-Nebenkosten: 131 Euro monatlich als kalkulierter Orientierungswert

Besonders interessant für Wohnungsunternehmen, Investoren und private Bestandshalter ist die wirtschaftliche Betrachtung des späteren Gebäudebetriebs.

Für eine Dreizimmerwohnung mit rund 78 m² Wohnfläche weist die Projektdokumentation monatliche Nebenkosten von durchschnittlich 131 Euro aus. Die angegebenen Werte beruhen auf den wohnungsbezogenen Verbrauchsmessungen beziehungsweise Kostenansätzen des Gebäudekonzepts.

KostenpositionMonatlich
Kaltwasser23 €
Heizung und Kühlung33 €
Warmwasser25 €
Strom50 €
Summe131 €

Die tatsächlichen Verbrauchs- und Kostenwerte sind nutzungsabhängig. Für die Dreizimmerwohnungen wird eine Spanne von 105 bis 180 Euro monatlich angegeben. Wartungskosten für die Wärmepumpe und Filterwechsel der Lüftungsanlagen kommen hinzu.

Die Zahlen verdeutlichen den Ansatz des Projekts: Niedrige laufende Kosten werden nicht durch eine einzelne technische Komponente erreicht, sondern durch das Zusammenwirken aus Gebäudehülle, Wärmepumpe, Flächenheizung und -kühlung, Photovoltaik, Wärmerückgewinnung und bedarfsgerechter Regelung.

QNG-Premium: Lebenszyklusbetrachtung statt isolierter Energiekennwerte

Ein weiteres wesentliches Merkmal ist die Bewertung der Umweltwirkungen über den Lebenszyklus des Gebäudes.

Laut Berechnung erreicht das Mehrfamilienhaus einen Wert von 16,51 kg CO₂-Äquivalenten je Quadratmeter Nettoraumfläche und Jahr. Damit unterschreitet es den in der Projektvorlage angegebenen Grenzwert für QNG-Premium von 20,0 kg CO₂-Äquivalenten deutlich.

Die Planung berücksichtigt neben der Energieeffizienz insbesondere die Materialwahl, Dauerhaftigkeit, Rückbaubarkeit und Trennung unterschiedlicher Gebäudesysteme.

Für die Bauprodukte wurden Inhaltsstoffnachweise und Schadstoffanforderungen berücksichtigt. Bei Massivholz- und Holzwerkstoffen sollen möglichst FSC- beziehungsweise PEFC-zertifizierte Produkte eingesetzt werden.

Das Gebäude durchläuft nach Angaben des Architekturbüros das BiRN-Zertifizierungssystem für Wohngebäude und erfüllt die Voraussetzungen des Qualitätssiegels Nachhaltiges Gebäude auf Premium-Niveau.

Vorfertigung verkürzt die Bauzeit und reduziert Schnittstellen

Mit dem Baubeginn am 1. November 2024 und der Übernahme durch die Mieter am 1. November 2025 wurde das Projekt innerhalb eines Jahres umgesetzt. Dabei waren rund zwei Monate Winterpause zu berücksichtigen.

Als wesentliche Faktoren für die vergleichsweise kurze Bauzeit nennt das Planungsteam die industrielle Vorfertigung der Holzbauelemente, eine abgestimmte Gewerkeplanung sowie die weitgehende Vermeidung von Installationskonflikten.

Die konsequente Trennung der haustechnischen Installationen vom Tragwerk verringerte den Koordinationsaufwand auf der Baustelle.

Damit zeigt sich ein wesentlicher Vorteil eines integrierten Planungsansatzes: Die hohe technische Komplexität moderner Gebäude lässt sich durch frühzeitige Abstimmung und Vorfertigung beherrschbarer gestalten.

Ein Praxisbeispiel mit Signalwirkung für den modernen Mehrfamilienhausbau

Das Projekt von Architekt Holger König verdeutlicht, dass wirtschaftlicher und ressourcenschonender Wohnungsbau keine isolierte Frage der Bauweise ist. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Architektur, Tragwerk, Materialwahl, technischer Gebäudeausrüstung und langfristigem Betrieb.

Besonders relevant für den modernen Holz- und Holzhybridbau ist dabei die gezielte Nutzung der konstruktiven Vorteile unterschiedlicher Baustoffe.

Die Holzbauweise übernimmt zentrale Funktionen der hochgedämmten, vorgefertigten Gebäudehülle. Massive Bauteile werden dort eingesetzt, wo statische, bauphysikalische oder grundwasserbedingte Anforderungen dafür sprechen.

Das Ergebnis ist ein Mehrfamilienhaus, das hohe energetische Qualität, zusätzliche innerörtliche Wohnfläche, industrielle Vorfertigung und vergleichsweise niedrige Betriebskosten in einem schlüssigen Gesamtkonzept vereint.

Für Bauherren, Wohnungsunternehmen und Projektentwickler liefert dieses Praxisbeispiel wichtige Impulse: Nicht die isolierte Minimierung der Herstellungskosten, sondern die Optimierung über den gesamten Gebäudelebenszyklus eröffnet neue Perspektiven für wirtschaftlichen Wohnungsbau.

Architekt Holger König – Pionier der Gebäudeökobilanzierung mit internationaler Expertise

Architekt Holger König zählt zu den Pionieren der Gebäudeökobilanzierung in Deutschland. Als maßgeblicher Entwickler der integralen Bausoftware LEGEP hat er die systematische Bewertung von Umweltwirkungen, Energiebedarf und Lebenszykluskosten von Gebäuden entscheidend vorangebracht.

Seine jahrzehntelange Expertise ist auch international gefragt. Als von ECOS akkreditierter Experte wirkte er im europäischen Normungsgremium CEN/TC 350 an der Entwicklung von Standards zur Nachhaltigkeitsbewertung von Bauwerken mit. Darüber hinaus beteiligte er sich an zahlreichen Forschungsprojekten zur ressourcenschonenden Bauweise, Gebäudeökobilanzierung und Lebenszyklusbewertung, unter anderem in Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Seine internationale Fach- und Beratungstätigkeit führte ihn bis nach Japan.

Auch die Verbindung zu Holzbauwelt.de reicht weit zurück: Bereits Mitte der 1990er-Jahre organisierte Sigurd Maier, späterer Gründer und Initiator von Holzbauwelt.de, gemeinsam mit der Bausparkasse Schwäbisch Hall und Holger König als Fachreferent, Fachveranstaltungen zum ökologischen Bauen und zur Gebäudeökobilanzierung – zu einer Zeit, als diese Themen in der deutschen Bauwirtschaft noch wenig Beachtung fanden.

Das jetzt realisierte Mehrfamilienhaus zeigt eindrucksvoll, wie Holger König seine jahrzehntelange Forschungs-, Entwicklungs- und Planungsexpertise in ein ganzheitliches Gebäudekonzept überträgt, das hohe Energieeffizienz, ressourcenschonende Bauweise und langfristige Wirtschaftlichkeit miteinander verbindet.


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