Serielles Bauen: Zukunftsthema für den Holzbau

Wenn man Akteure in der deutschen und europäischen Bauwirtschaft fragt, welche Themen bzw. Innovationen die Branche aktuell am meisten beschäftigen, ist das serielle Bauen eines der wichtigsten Themen neben Digitalisierung und Building Information Modelling (BIM). Dies ist wenig verwunderlich, da das serielle Bauen heute vielfach als Hoffnungsträger in Bezug auf eine Verkürzung der Bauzeit, eine Reduzierung der Baukosten und die Schaffung von Wohnraum in Ballungsgebieten betrachtet wird. Serielles Bauen betrifft dabei gleichermaßen die Planung als auch die Ausführung der Gebäude.

Serielle Planung und Standardisierung im Bauwesen

Serielle Planung bedeutet allgemein erst einmal die Wiederholbarkeit und Standardisierung von Planungsprozessen. Im Bereich der seriellen Planung gibt es bereits heute einige prominente Beispiele, die allerdings in der Öffentlichkeit nicht immer als serielles Bauen wahrgenommen werden. Eines der bekanntesten Beispiele für eine serielle Planung sind sicherlich die Haus- und Grundrisstypen wie sie beispielsweise von Town & Country, Heinz von Heiden, Weber Haus oder Bien Zenker angeboten werden. Die Planung, und damit auch die Umsetzung, wird bei diesem Ansatz durch die Standardisierung und die Verwendung vergleichbarer Strukturen erleichtert.

Ein weiteres Beispiel für serielles Planen sind Neubausiedlungen, die von Projektentwicklern umgesetzt werden. Werden auf einer Fläche beispielweise 12 Doppelhaushälften erstellt, die weitgehend den gleichen Grundrissen und der gleichen Konstruktion folgen, handelt es sich ebenfalls um eine Form der seriellen Planung, da ebenfalls Standards und Synergien genutzt werden.

Doch auch im Mehrfamilienhausbau spielt die serielle Planung eine Rolle: Zwar werden hier die Gebäude an sich häufig individuell geplant, dennoch kommt auf Ebene der Wohneinheiten häufig ein standardisierter Grundriss zum Tragen. Die Tragstruktur des Gebäudes folgt damit einer Standardisierung, die durch den Innenausbau bzw. die Gestaltung der nichttragenden Strukturen (zum Beispiel in Trockenbauweise) individualisiert werden kann. Bei den genannten Beispielen muss es nicht bei einer seriellen Planung bleiben, sondern vielfach findet auch eine Kombination aus serieller Planung und serieller Ausführung statt wie die Darstellung verdeutlicht.

Serielles Ausführen in der Gebäudeerstellung

Die serielle Ausführung der Projekte bezieht sich primär auf den Einsatz von Fertigteilen (2D-Lösungen) oder Raummodulen (3D-Lösungen) in der Erstellung des Gebäudes. Die serielle Ausführung des 21. Jahrhunderts tritt dabei deutlich aus dem Schatten des seriellen Bauens der 1960er und 1970er Jahre hervor, mit dem das serielle Bauen bzw. die serielle Vorfertigung heute nach wie vor häufig assoziiert wird. Dabei sind die „in Serie“ gebauten Projekte den früheren Ansätzen hinsichtlich Individualität, Qualität und Haltbarkeit deutlich überlegen.

Während eine serielle Ausführung in der Regel mit Fertigteilen assoziiert wird, ist auch eine serielle Ausführung beispielsweise mit Mauersteinen denkbar. Basiert das Gebäude beispielsweise auf standardisierten Grundrissen und wiederholbaren Mustern, kann auch beim Bauen mit Mauersteinen von seriellen Ansätzen profitiert werden. Allerdings ist der Zugewinn hinsichtlich der Zeitverkürzung hier deutlich geringer als beim Einsatz von Fertigteilen.

Kommen Fertigteile zum Einsatz handelt es sich dabei überwiegend um 2D-Lösungen, also Wandelemente aus Betonfertigteilen oder Massivholz bzw. in Holzrahmenbauweise. Bei diesen-Lösungen überwiegen aktuell klar die Projekte in Holzbauweise, wie die Statistiken des Statistischen Bundesamtes und B+L Berechnungen zeigen. Die Holzfertigteile werden dabei überwiegend im Ein- und Zweifamilienhaus eingesetzt, doch auch im mehrgeschossigen Wohnbau kamen in den vergangenen Jahren zunehmend Holz-Lösungen zum Einsatz.

Bauen mit Raummodulen ist revolutionär

Ein Bereich, der häufig mit dem seriellen Bauen assoziiert wird, ist das Bauen mit Raummodulen. Während zahlreiche Anbieter von entsprechenden Raummodulen ihren Ursprung im Bereich der temporären Lösungen (Stichwort: Container) haben, hat sich das Bauen mit Raummodulen zu einem relevanten Markt im Bereich des seriellen Bauens entwickelt.

Als Raummodule werden im vorliegenden Artikel 3D-Lösungen (Boden-Wand-Decke) bezeichnet, die für den dauerhaften Einsatz konstruiert werden. Im Gegensatz zu Wand- oder Deckenelementen ist der Vorfertigungsgrad bei den Raummodulen besonders hoch, so dass Zeit und Aufwand auf der Baustelle im Vergleich zu den 2D-Lösungen noch einmal deutlich reduziert werden können. Anders als im Bereich der Wandelemente ist der Markt für Raummodule aktuell von Lösungen in Stahlleichtbauweise dominiert.

Doch nach B+L Prognosen wird sich der Anteil an Holzlösungen im Modulbau in den kommenden Jahren positiv entwickeln. Die Holzbauweise im Bereich der Raummodule ist dabei primär von Lösungen aus Brettsperrholz geprägt. Konstruktionen in Holzrahmenbau spielen eine deutlich geringere Rolle, obgleich hier durchaus Potenziale existieren, da der Materialeinsatz geringer ausfällt als bei vergleichbaren Brettsperrholz-Lösungen. Gebäude, die überwiegend mit Raummodulen konstruiert werden, vereinen dabei häufig eine serielle Planung und eine serielle Ausführung. Dadurch kann die Effizienz und die Produktivität deutlich gesteigert werden.

Obgleich sich das Bauen mit Raummodulen zu einem relevanten Markt entwickelt hat, muss jedoch beachtet werden, dass 2D-Lösungen nach wie vor die seriell ausgeführten Projekte dominieren. Während in Deutschland weniger als 35.000 Gebäude im Wohnbau und Nichtwohnbau in Fertigbauweise gebaut wurden (Referenzjahr 2020), waren es weniger als 1.000 Gebäude, die mit vorgefertigten Raummodulen gebaut wurden.

Ausblick serielles Bauen in Deutschland

Es gibt viele Gründe, warum das serielle Bauen zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen wird. Die Schaffung von Wohnraum und die Verkürzung der Bauzeiten sind dabei ein offensichtliches Argument. Weitere Treiber des seriellen Bauens, die öffentlich weniger diskutiert werden als die Bauzeit oder der Wohnraum, sind die zukünftigen Kapazitäten bei den ausführenden Gewerken.

Mit dem Rentnereintritt der geburtenstarken Jahrgänge ab 2025 (der Höhepunkt der Renteneintritte ist in ca. 10 Jahren erreicht, wenn der geburtenstärkste Jahrgang 1964 in Rente geht) wird es in vielen Bereichen zu einem deutlichen Rückgang der vorhandenen Handwerkskapazitäten kommen, da der Nachwuchs die Lücke in einigen Gewerken nicht decken kann. Entsprechend stellen serielle Lösungen, die mehr Effizienz, Produktivität und den Einsatz weniger Mitarbeiter auf der Baustelle ermöglichen, ein Zukunftsmodell zur Lösung des Fachkräftemangels dar. Ein weiterer Punkt, der dem seriellen Bauen Auftrieb geben dürfte, ist das städtische Bauen bzw. die Nachverdichtung.

Chancen für den Holzbau durch serielles Bauen

Aus Sicht der B+L dürfte der Holzbau vom Wachstum im Bereich des seriellen Bauens profitieren. Im Gegensatz zu anderen Gewerken konnte der Holzbau in den vergangenen Jahren viele junge Menschen von einer Ausbildung bzw. Tätigkeit im Holzbau überzeugen und so den Nachwuchs deutlich stärken. Entsprechend ist davon auszugehen, dass die Kapazitäten im Holzbau deutlich geringer sinken werden als in anderen Bereichen.

Neben den vorhandenen Kapazitäten im Holzbau kommt der Branche auch der Faktor Ökologie zugute: Wenn der Anteil der seriell ausgeführten Gebäude insbesondere im 2D-Segment steigt, profitieren die Anbieter von Fertigteilen aus Beton oder Holz. Da sich der Baustoff Beton jedoch aufgrund der Rohstoff- und CO2-Thematik vor Herausforderungen gestellt sieht, dürften Lösungen in Holzbauweise stärker nachgefragt werden.

Wie allerdings das Beispiel des Modulbaus zeigt, stehen Holzlösungen durchaus auch im Wettbewerb mit dem Stahlleichtbau. Zudem haben die Materialengpässe und Preissteigerungen für Holzprodukte eine Debatte über das Bauen mit Holz ausgelöst. Auch wenn die B+L und zahlreiche andere Marktbeobachter davon ausgehen, dass sich die Situation aktuell bereits wieder entspannt, muss das verlorene Vertrauen wieder aufgebaut werden.

Über den Autor:

Marcel Dresse arbeitet seit 2016 als Projektleiter für B+L. Sein Arbeitsschwerpunkt sind Zielgruppenbefragungen bei Bauherren, Handwerkern, Architekten, etc. Bei B+L ist er für die Analyse von Markttrends in den Bereichen serielles Bauen, Holzbau und Nachhaltigkeit zuständig.


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