SITCA-Allianz: Wie Holzbau Städte zu Kohlenstoffspeichern machen kann

Der Gebäudesektor verursacht einen erheblichen Anteil der weltweiten Treibhausgasemissionen. Eine neue internationale Allianz aus Wissenschaft, Forstwirtschaft und Bauindustrie will deshalb den Holzbau als wirksames Instrument des Klimaschutzes stärken. Die Science and Timber Construction Alliance, kurz SITCA, soll wissenschaftliche Grundlagen schaffen und den Einsatz nachwachsender, kreislauffähiger Baustoffe weltweit voranbringen.

Die Initiative wurde Anfang Juli 2026 unter der Leitung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber vorgestellt. Zu den beteiligten Institutionen und Unternehmen gehören das International Institute for Applied Systems Analysis, Hilti, WIEHAG, binderholz, EGGER Holzwerkstoffe, Stora Enso und die Österreichischen Bundesforste. Auch die HASSLACHER Gruppe hat sich der Allianz angeschlossen.

Gebäude als langfristige Kohlenstoffspeicher

Im Mittelpunkt von SITCA steht die Frage, wie sich der Bausektor von einer großen Emissionsquelle zu einem aktiven Bestandteil des Klimaschutzes entwickeln kann.

Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die Verwendung von Holz in langlebigen Gebäuden. Der im Baustoff gespeicherte Kohlenstoff bleibt während der gesamten Nutzungsdauer gebunden. Städte und Gebäude können dadurch zunehmend als langfristige Kohlenstoffspeicher wirken.

Besonders wirksam wird dieser Ansatz, wenn der Bestand an Holzgebäuden kontinuierlich wächst und die Bauwerke möglichst lange genutzt, umgebaut und weiterentwickelt werden. So entsteht in der gebauten Umwelt ein zunehmender Kohlenstoffvorrat, der über einzelne Gebäude hinauswirkt.

Die Wald-Bau-Pumpe: CO2 aus der Atmosphäre im Gebäude speichern

Die Verbrennung fossiler Energieträger und die Zerstörung natürlicher Ökosysteme haben die CO2-Konzentration in der Atmosphäre erheblich erhöht. Bäume nehmen Kohlendioxid durch Photosynthese auf und speichern den Kohlenstoff in ihrem Holz.

Wird dieses Holz in langlebigen Gebäuden eingesetzt, bleibt der Kohlenstoff über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte gebunden. Gleichzeitig wachsen im nachhaltig bewirtschafteten Wald neue Bäume nach und nehmen weiteres CO2 auf.

Bildlich gesprochen wird der Kohlenstoff damit über den Wald in die gebaute Umwelt „gepumpt“. In Verbindung mit Wiederverwendung und modernen Recyclingtechnologien können nachhaltige Waldbewirtschaftung und Holzbau langfristig zur Entstehung einer zusätzlichen Kohlenstoffsenke beitragen.

Holzbau ersetzt emissionsintensive Baustoffe

Die Klimawirkung des Holzbaus beruht nicht allein auf der Speicherung von Kohlenstoff. Holz kann zugleich Baustoffe ersetzen, deren Herstellung mit hohen Treibhausgasemissionen verbunden ist.

Dieses Potenzial besteht insbesondere bei tragenden Konstruktionen, Wänden, Decken und Dachsystemen. Im mehrgeschossigen Wohnungsbau, im Objektbau sowie bei öffentlichen Gebäuden können Holz- und Holzhybridkonstruktionen deshalb einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der materialbedingten Emissionen leisten.

Die Initiative will untersuchen, wie sich diese Speicher- und Substitutionseffekte wissenschaftlich belastbar erfassen lassen. Daraus sollen verlässliche Entscheidungsgrundlagen für Politik, Investoren, öffentliche Auftraggeber und die Bauwirtschaft entstehen.

Wissenschaftliche Nachweise für politische und wirtschaftliche Entscheidungen

Pauschale Aussagen über nachhaltiges oder klimafreundliches Bauen reichen für Investitionsentscheidungen und regulatorische Vorgaben zunehmend nicht mehr aus. Gefragt sind nachvollziehbare Daten zur Herkunft der Rohstoffe, zur Herstellung der Bauteile, zur Nutzungsdauer und zur Wiederverwendung.

SITCA will deshalb die Klimawirkung des Holzbaus wissenschaftlich untersuchen und international vergleichbar machen. Dabei geht es unter anderem um die nachhaltige Verfügbarkeit von Holz, den Kohlenstoffspeicher in Gebäuden und die Entwicklung leistungsfähiger Holzbausysteme.

Die Ergebnisse sollen in politische Strategien, Förderprogramme, Ausschreibungen und Investitionsentscheidungen einfließen. Die Allianz versteht sich damit als Verbindung zwischen Klimaforschung, Forstwirtschaft und praktischer Umsetzung im Bauwesen.

Holz effizient nutzen statt Verbrauch maximieren

Ein steigender Holzbedarf im Bauwesen kann nur dann langfristig zum Klimaschutz beitragen, wenn die Rohstoffgewinnung mit einer nachhaltigen und klimaangepassten Waldbewirtschaftung verbunden ist.

SITCA betrachtet deshalb nicht nur die gebaute Umwelt, sondern die gesamte Wertschöpfungskette vom Wald bis zum Gebäude. Dazu gehören auch Fragen der Biodiversität, der Rohstoffverfügbarkeit und der möglichst effizienten Nutzung des vorhandenen Holzes.

Entscheidend ist nicht ein möglichst hoher Holzverbrauch. Ziel muss vielmehr sein, den Rohstoff dort einzusetzen, wo er über einen langen Zeitraum einen hohen ökologischen und wirtschaftlichen Nutzen entfaltet. Der Einsatz in tragenden und langlebigen Gebäudekonstruktionen besitzt dafür besonders großes Potenzial.

Kreislauffähiges Bauen verlängert die Speicherwirkung

Zusätzliche Klimavorteile entstehen, wenn Holzbauteile nach der ersten Gebäudenutzung demontiert und erneut verwendet werden können. Voraussetzung dafür sind lösbare Verbindungen, sortenreine Konstruktionen und eine verlässliche Dokumentation der eingesetzten Materialien.

Digitale Materialpässe und Building Information Modeling können dazu beitragen, Bauteile über ihren gesamten Lebenszyklus zu erfassen. Gebäude werden dadurch nicht nur zu Kohlenstoffspeichern, sondern auch zu Materiallagern für zukünftige Bauprojekte.

Die Kreislauffähigkeit wird damit zu einem wichtigen Bestandteil der Klimaschutzwirkung des Holzbaus. Je länger Holz stofflich genutzt und wiederverwendet wird, desto länger bleibt auch der darin gespeicherte Kohlenstoff gebunden.

Bedeutung für den modernen Holzbau

Für die europäische Holzbauwirtschaft bietet SITCA die Chance, vorhandene Kompetenzen im mehrgeschossigen Holzbau, Holzmodulbau, Holzhybridbau und Ingenieurholzbau international stärker sichtbar zu machen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Unternehmen und Projektentwickler. Klimavorteile müssen künftig projektbezogen nachgewiesen und über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes bewertet werden. Neben dem Baustoff werden deshalb auch Materialeffizienz, Herkunft, Rückbaubarkeit und Wiederverwendung entscheidend.

Kommunen und öffentliche Auftraggeber können diese Entwicklung unterstützen, indem sie materialbedingte Emissionen und Lebenszykluskosten stärker in ihre Vergaben einbeziehen. Für Investoren und Wohnungsunternehmen verbindet der Holzbau dokumentierbare Klimawirkungen mit industrieller Vorfertigung, kurzen Bauzeiten und hoher Planbarkeit.

Marktthese von Sigurd Maier, Holzbau-Experte und Gründer von Holzbauwelt.de

“Die Zukunft des Holzbaus liegt nicht im bloßen Ersatz einzelner Baustoffe. Sie liegt in einem ganzheitlichen System aus nachhaltiger Waldwirtschaft, Kohlenstoffspeicherung, industrieller Vorfertigung und kreislauffähigem Bauen. So wird aus dem Holz ein Klimaschutzsystem.”


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